„Miiiichel, du Lausejunge!“
Das war einen Sommer lang der meist gebrüllte Satz in meinem Elternhaus. Und das nicht, weil ich einen frechen Bruder hatte oder meine Mutter immer noch an ihrer schweren Niederlage zu knabbern gehabt hätte. (Sie wusste nämlich bis zum Tag meiner Geburt ganz genau, dass sie einen Jungen bekommen würde, einen Steffen Alexander. Mein Vater wollte ein Mädchen. Er hat gewonnen, musste dann aber blöderweise im Hochsommer das komplette Kinderzimmer noch mal von blau auf gelb umstreichen.)

Dieser ungezogene Michel war kein geringerer als Michel Svensson. Besser bekannt als „Michel aus Lönneberga“. Seine Abenteuer waren auf meinen allerliebsten Lieblingsschallplatten – und die liefen den ganzen Tag durch, immer wieder und wieder, obwohl ich die Texte längst auswendig konnte. Ich saß vor der Plattenhülle und himmelte Michel an, der mir in Großaufnahme entgegenstrahlte: blond wie ein Weizenfeld und Zähne so groß und weiß, wie man’s aus dem wahren Leben gar nicht kannte, weil man selbst ja noch die ollen Milchzähnchen hatte. Da lag ich also auf dem Teppich vor der Box und stellte mir vor, wie aufregend es wäre, einen Sommer lang mit Michel durch Lönneberga zu toben, der alten Krösa-Maja Streiche zu spielen und Vater Anton in den Wahnsinn zu treiben.
Michel war meine erste große Liebe.

Mein Freund Ralf. Erstversorgung nach Dreiradunfall.
Meine Spielkameraden waren im Vergleich zu Michel irgendwie sehr gewöhnlich. Da war Ralf, mit dem habe ich immer „Vater, Mutter und Kind“ gespielt. Während Ralf mit meinem Dreirad zur Arbeit gefahren ist, blieben die Kinder, also sein Bär Bruno und mein Hase Hoppel – wir waren eine der ersten Patchworkfamilien überhaupt – wieder mal an mir hängen. Und wenn Ralf 11 Runden durch den Garten gefahren war und geschafft von der Arbeit nach Hause kam, musste die Grassuppe schon auf dem Tisch stehen.
Irgendwann war mir das zu blöd und ich habe ernsthaft versucht, mit Simone von nebenan und deren Barbies glücklich zu werden. Nach dem 17. Erpressungsversuch à la „Wenn du mir nicht was Süßes mitbringst, bin ich nicht mehr deine Freundin“, hatte ich die Nase voll vom Zickenterror und bin heim zu Bruno, Hoppel und Ralf, die mich dankbar zurücknahmen. Es kam mir allerdings auch zugute, dass sich Ralf gerade in einer schrecklichen Lebenskrise befand, weil sein Guppy Jens unerwartet Selbstmord begangen hatte. Bei der gemeinsamen Beerdigung waren wir dann schon wieder die besten Freunde: Ich durfte sogar die Klospülung drücken.
Vor ein paar Wochen habe ich mir die „Michel aus Lönneberga-Spielfilm-Edition“ auf DVD gekauft. Ich bin jetzt in einem Alter, wo man anfängt, von früher zu reden, wo die Erinnerung bereits Mitleid zeigt und einen Schleier der Sanftmut über alles legt. Früher war alles schön. Früher war immer Sommer und Sonnenschein.
Komisch nur, das ich noch genau weiß, dass es an meinen Geburtstagsparties im Mai immer geregnet hat und im Sommer vor der Einschulung mein Spielkamerad an Hirnhautentzündung gestorben ist. Der war einfach weg, dabei hatte er mich doch gerade noch beim Polizeihundspielen in den Arm gebissen. Und die vielen Teddys auf dem Grab und die trauernde Mutter, die heulend zu meiner Mama sagt: „Es ist doch besser, dass er jetzt tot ist. Welchem Kind wollte man zumuten, in so einer Welt zu leben?“. Ich stand dabei und fühlte mich wie übrig geblieben und war zutiefst verunsichert, weil ich ja noch ein Weilchen in dieser Welt leben sollte.
Neulich lege ich also unter heutigen Lebensbedingungen die Michel-DVD ein und freue mich auf die Erinnerungen aus der Kindheit. Mit einer gemächlichen Kamerafahrt über grüne Wiesen und rote Holzhäuser setzt der Soundtrack ein – und mit ihm meine Tränen. Ich weiß nicht, warum, aber ich muss so schlimm heulen, dass ich nach 15 Minuten den Film stoppe, weil ich sonst am nächsten Morgen aufgequollen gewesen wäre wie ein Gummibärchen nach einem ausgiebigen Wasserbad.
Seitdem habe ich mich nicht mehr an Michel rangetraut. Was wäre, wenn das damals alles gar nicht so toll war? Wenn Michel schlichtweg ein hyperaktiver Rotzlöffel war? Seine Eltern Anton und Alma überforderte Rabeneltern? Und mit dieser bitteren Erkenntnis Erinnerungen hochgekommen wären, die gar nicht zu mir gehören können?
Ich hatte so viele schöne Stunden mit Michel, da lass ich mir nicht in meine Nostalgie reinpfuschen. Aber es ist gut zu wissen, dass meine Erinnerungen auf DVD gebannt im Archiv stehen. Wer weiß, wozu sie eines Tages noch gut sein werden.
…
Demnächst hier: Wie ich lernte, einen Vampir zu lieben, ohne gebissen zu werden.