Vielleicht erinnern Sie sich noch daran: Geschichten, die mir das Leben diktiert, mag ich am liebsten. Rausgehen. Erleben. Mitschreiben. Ein wirklich praktischer Service für eine bloggende Kartoffel.
Da sitze ich also – mehr oder weniger freiwillig – mit acht Grundschülern beim Mittagessen. Eine Situation, die dem einen oder anderen Kinderfan sicher sofort den Appetit verderben würde. Mir nicht. Ich kann immer essen, selbst wenn ich mir dabei blutige Geschichten über das Aufeinandertreffen kindlicher Köpfe mit Heizkörpern anhören oder grüne Ergüsse kleiner Rotznasen anschauen muss. Da ist immer was geboten am Tisch!
Heute herrscht allerdings eine himmlische Ruhe. Kein Geschmatze, kein pubertäres Gekicher und kein Gerangel um die beste Nudel von allen. Sehr verdächtig. Also, Vorischt! Alle pädagogischen Sinne geschärft! Da braut sich was zusammen!
…
Nichts. Andächtige Ruhe. Der Hackfleischeintopf muss ja bombastisch sein.
Fabian (8 Jahre) lädt sich noch mal das Salatschälchen voll und eröffnet quasi beiläufig, völlig unaufgeregt folgenden Dialog:
Fabian: „Ich denke, ich bin jetzt schwul.“
Schluck. Na bitte, da haben wir das Schlamassel. Das Thema „Sexuelle Orientierung“ geht niemals gut.
Aber alle essen unbeirrt weiter, wirken eher schon ernsthaft interessiert als pikiert. Oha.
Die 9jährige Cindy hat natürlich mit einem Jahr Vorsprung bereits die Abgeklärtheit des Alter und antwortet: „Ja, das kenn ich. Ich war auch mal lespik.“
Fabian (kaut seelenruhig die Gurkenscheibe fertig): „Und, wie war das so?“
Cindy: „Och, war ganz okay.“
Fabian: „Kann ich mal die Nudeln haben?“
Cindy: „Yep. Magste auch noch Käse?“
Stellen Sie sich so einen Dialog mal unter Erwachsenen in der Kantine vor.
Herr Müller von der Sachbearbeitung: „Ich denke, ich bin jetzt schwul.“
Dazu Kollege Schweinsberger aus dem 3. Stock: „Kenn ich, die Lehmann aus dem Archiv war auch lesbisch…“
Herr Müller: „Und, wie was das so?“
Schweinsberger: „Och, kein Problem, die war gleich rausgemobbt!“
Herr Müller: „…öhm… könnte ich mal die Nudeln haben?“
Schweinsberger: „Im Prinzip gerne, du. Aber das wär mir total unangenehm, wenn mich jemand dabei sehen würde!“