La Petite Patate

……………Weichkochend. Bissfest. Und très dangereuse!

Was vom Michel übrig blieb Januar 17, 2009

Gespeichert unter: Auf dem Land, Aus aller Welt, Begegnungen, Kinder, Liebe, Literatur, Mein Leben, TV — lapetitepatate @ 1:57

„Miiiichel, du Lausejunge!“

Das war einen Sommer lang der meist gebrüllte Satz in meinem Elternhaus. Und das nicht, weil ich einen frechen Bruder hatte oder meine Mutter immer noch an ihrer schweren Niederlage zu knabbern gehabt hätte. (Sie wusste nämlich bis zum Tag meiner Geburt ganz genau, dass sie einen Jungen bekommen würde, einen Steffen Alexander. Mein Vater wollte ein Mädchen. Er hat gewonnen, musste dann aber blöderweise im Hochsommer das komplette Kinderzimmer noch mal von blau auf gelb umstreichen.)

Michel aus Lönneberga

Dieser ungezogene Michel war kein geringerer als Michel Svensson. Besser bekannt als „Michel aus Lönneberga“. Seine Abenteuer waren auf meinen allerliebsten Lieblingsschallplatten – und die liefen den ganzen Tag durch, immer wieder und wieder, obwohl ich die Texte längst auswendig konnte. Ich saß vor der Plattenhülle und himmelte Michel an, der mir in Großaufnahme entgegenstrahlte: blond wie ein Weizenfeld und Zähne so groß und weiß, wie man’s aus dem wahren Leben gar nicht kannte, weil man selbst ja noch die ollen Milchzähnchen hatte. Da lag ich also auf dem Teppich vor der Box und stellte mir vor, wie aufregend es wäre, einen Sommer lang mit Michel durch Lönneberga zu toben, der alten Krösa-Maja Streiche zu spielen und Vater Anton in den Wahnsinn zu treiben.

Michel war meine erste große Liebe.

Mein Freund Ralf. Erstversorgung nach Dreiradunfall.

Mein Freund Ralf. Erstversorgung nach Dreiradunfall.

Meine Spielkameraden waren im Vergleich zu Michel irgendwie sehr gewöhnlich. Da war Ralf, mit dem habe ich immer „Vater, Mutter und Kind“ gespielt. Während Ralf mit meinem Dreirad zur Arbeit gefahren ist, blieben die Kinder, also sein Bär Bruno und mein Hase Hoppel – wir waren eine der ersten Patchworkfamilien überhaupt – wieder mal an mir hängen. Und wenn Ralf 11 Runden durch den Garten gefahren war und geschafft von der Arbeit nach Hause kam, musste die Grassuppe schon auf dem Tisch stehen.

Irgendwann war mir das zu blöd und ich habe ernsthaft versucht, mit Simone von nebenan und deren Barbies glücklich zu werden. Nach dem 17. Erpressungsversuch à la „Wenn du mir nicht was Süßes mitbringst, bin ich nicht mehr deine Freundin“, hatte ich die Nase voll vom Zickenterror und bin heim zu Bruno, Hoppel und Ralf, die mich dankbar zurücknahmen. Es kam mir allerdings auch zugute, dass sich Ralf gerade in einer schrecklichen Lebenskrise befand, weil sein Guppy Jens unerwartet Selbstmord begangen hatte. Bei der gemeinsamen Beerdigung waren wir dann schon wieder die besten Freunde: Ich durfte sogar die Klospülung drücken.

Vor ein paar Wochen habe ich mir die „Michel aus Lönneberga-Spielfilm-Edition“ auf DVD gekauft. Ich bin jetzt in einem Alter, wo man anfängt, von früher zu reden, wo die Erinnerung bereits Mitleid zeigt und einen Schleier der Sanftmut über alles legt. Früher war alles schön. Früher war immer Sommer und Sonnenschein.

Komisch nur, das ich noch genau weiß, dass es an meinen Geburtstagsparties im Mai immer geregnet hat und im Sommer vor der Einschulung mein Spielkamerad an Hirnhautentzündung gestorben ist. Der war einfach weg, dabei hatte er mich doch gerade noch beim Polizeihundspielen in den Arm gebissen. Und die vielen Teddys auf dem Grab und die trauernde Mutter, die heulend zu meiner Mama sagt: „Es ist doch besser, dass er jetzt tot ist. Welchem Kind wollte man zumuten, in so einer Welt zu leben?“. Ich stand dabei und fühlte mich wie übrig geblieben und war zutiefst verunsichert, weil ich ja noch ein Weilchen in dieser Welt leben sollte.

Neulich lege ich also unter heutigen Lebensbedingungen die Michel-DVD ein und freue mich auf die Erinnerungen aus der Kindheit. Mit einer gemächlichen Kamerafahrt über grüne Wiesen und rote Holzhäuser setzt der Soundtrack ein – und mit ihm meine Tränen. Ich weiß nicht, warum, aber ich muss so schlimm heulen, dass ich nach 15 Minuten den Film stoppe, weil ich sonst am nächsten Morgen aufgequollen gewesen wäre wie ein Gummibärchen nach einem ausgiebigen Wasserbad.

Seitdem habe ich mich nicht mehr an Michel rangetraut.  Was wäre, wenn das damals alles gar nicht so toll war? Wenn Michel schlichtweg ein hyperaktiver Rotzlöffel war? Seine Eltern Anton und Alma überforderte Rabeneltern? Und mit dieser bitteren Erkenntnis Erinnerungen hochgekommen wären, die gar nicht zu mir gehören können?

Ich hatte so viele schöne Stunden mit Michel, da lass ich mir nicht in meine Nostalgie reinpfuschen. Aber es ist gut zu wissen, dass meine Erinnerungen auf DVD gebannt im Archiv stehen. Wer weiß, wozu sie eines Tages noch gut sein werden.

Demnächst hier: Wie ich lernte, einen Vampir zu lieben, ohne gebissen zu werden.

 

Kartoffel, die Literatur & das Christstollenkonfekt Dezember 27, 2008

Gespeichert unter: Aus aller Welt, Begegnungen, Literatur, Mein Leben, Musik — lapetitepatate @ 6:08

das-stille-maedchen1

„Gott die Herrin hatte einen jeglichen Menschen in seiner eigenen Tonart gestimmt, und Kasper konnte sie heraushören.“


Mit diesem Satz beginnt Peter Hoegs Roman „Das stille Mädchen“ – und mit ihm ein wochenlanges Martyrium für mich.

Ich geb’s zu, in Sachen Literatur hatte ich es mir in den vergangenen Monaten leicht gemacht. Einmal die ganze Thriller-Palette rauf und runter, schön blutrünstig und schwer verdaulich, dafür umso leichter zu lesen: „Der Seelenbrecher“, „Die Chemie des Todes“, „Gnadenlos“, „Gottlos“ oder „Das Grab im Wald“. Klare Message. Klarer Fall. Ich hatte einen Mordsspaß beim Lesen, aber irgendwie auch ein schlechtes Gewissen und ernsthafte Bedenken, peu à peu zu verblöden, bis ich irgendwann die Kochanleitung für Tiefkühlpizza nicht mehr verstehe, weil die Sätze zu lang sind und zu viele Fremdwörter drin vorkommen tun.

Als dann auch im 12. Psychothriller die Hauptfigur (traumatisierte Polizistin namens Kate oder Sarah, ohne Rückhalt im Team) vom saugefährlichen Serienkiller entführt und misshandelt wird (um dann vom Kollegen Ben, Jeff oder Henry, mit dem sich im vorletzten Kapitel subtil eine amouröse Liaison anbahnte, die dann in heißem Sex endete, in allerletzter Sekunde gerettet zu werden), hatte ich endgültig genug und wusste:

„Toffi, tu was für deine Bildung, sonst isses zu spät!“

Und genau an diesem Punkt trat „Das stille Mädchen“ in mein Leben. Kam so über mich, wie die Nacht über die Welt. Wie der Schimmelpilz über den Erdbeerjoghurt.

Ich lege mich also mit meiner Tigerenten-Kuscheldecke gemütlich aufs Sofa – und lese. Und lese und lese und lese. Nicht, weil das Buch irgendeine Art von Sog entwickelt hätte, sondern weil ich nicht glauben kann, was da vor sich geht: ich lese, und ich verstehe nichts. Ich lese also noch präziser, aber die Handlung erschließt sich mir einfach nicht. Hatte ich aus Versehen 32 Seiten überblättert? War ich eingeschlafen beim Lesen? Ich kenne die Personen nicht, weiß nicht, warum da immer Mönche auftauchen und warum dieser ekelhafte Clown mich depressiv macht. Das ist ein schleichender Prozess. Eben noch gut gelaunt, jetzt schon melancholisch. Alternder Clown rettet naseweises Mädchen vor bösen Machtmonstern. Und dann ist da noch diese über alles wachende „Gott die Herrin“, die das theologisch-esoterische Fass endgültig zum Überlaufen bringt.

Trotzdem war mein Ehrgeiz gepackt. Und siehe da, nur 5 Wochen und 488 Seiten später war’s soweit: der Kampf ging mit folgendem Abschnitt zu Ende:

„Was er hörte, klang auf jeden Fall schön. Auf jeden Fall wie die ganz große Galavorstellung. Und auf jeden Fall sehr, sehr beschwerlich.“

Gestern Abend um 18.46 Uhr habe ich das Buch „Das stille Mädchen“ zugeschlagen und behutsam zur Seite gelegt.

Wenig überraschend, das Ende.

Nein, überraschend wenig Ende.

Blöd, wenn zum Schluss alles anders kommt als man hätte denken können, dass es eventuell unter gewöhnlichen Umständen hätte kommen können.

Merke: Das ewig Weibliche wird allzeit überdauern. Und: Clowns sind gar nicht immer lustig, manchmal sind sie auch einfach widerlich.

Oder doch nicht, weil ja gar nichts so ist, wie es scheint vor Gott der Herrin?

Und überhaupt: warum soll man immer am Ende noch einen Knüller parat haben, eine überraschende Wendung der Handlung? Eine klitzekleine Katharis im Entwicklungs- und Reifungsprozess der Protagonisten? Diesen erlösenden Aha-Effekt? Wer Buße tut, wird das Paradies sehen? Nee, Quatsch, alles Quatsch und überholte Erwartungen, wie sie nur von einem Psychothriller-Leser kommen können. (Am Ende ist der Mörder tot, und Kate hat Ben ganz doll lieb. So geht das.)

Ich muss gestehen, ich war nach der Lektüre ziemlich verunsichert und hatte zuerst nicht mal mehr Lust auf Christstollenkonfekt. Was wäre, wenn ich der Depp bin? Und gar nicht Peter Hoeg? Was dann?

Ganz heimlich, muss ja keiner wissen, surfe ich also nach internationalen Buchbesprechungen. Und siehe da: ich bin nicht allein! Da draußen gibt’s ganz viele belesene Menschen, denen es genauso erging wie mir! Ja, genau, treffender könnte ich es nicht sagen: „Strampeln im Erzählbrei, „literarischer Mumpitz“, „pathetischer Feminismus“, „pseudo-musikologische Stilblüten“, „hanebüchene Handlung“, „esoterisch verbrämte Formeln und reichlich kitschige Szenen“…

Ahhhh, das tut gut! Das geht runter wie Kartoffelbrei!

Als nächstes lese ich „Das Kind“ von Sebastian Fitzek. Da ist schon der erste Satz Garantie für gute, spannend-verständliche Unterhaltung:

„Als Robert Stern vor wenigen Stunden diesem ungewöhnlichen Treffen zugestimmt hatte, wusste er nicht, dass er damit eine Verabredung mit dem Tod einging.“

So was macht mich sehr sehr glücklich.