Ich habe mich doch jetzt tatsächlich dabei erwischt, wie ich wieder pünktlich zum Quartalsende krank geworden bin. Also, nicht ich, sondern mein Körper, aber nichtsdestotrotz, das Timing stimmte: genau am 31.3. war ich dermaßen zugevirt, dass nur noch ein Arztbesuch hätte helfen können.
Nein. Nicht am letzten Tag des Quartals! Toffi, reiß dich zusammen, das hältste durch bis morgen! Und so lange das Fieber nur phasenweise lebensbedrohliche Höchstwerte erreicht, werde ich dem Gesundheitssystem grade einfach so zum Spaß 10 € in den Rachen werfen! Pah!
Am 1.4. sitze ich, nun doch ein klein wenig geschwächt, mit ca. 30 anderen schwerkranken Knausern im Wartezimmer der Akutsprechstunde und vertreibe mir die Zeit mit unterhaltsamen Infobroschüren über lästige Prostataerkrankungen und pfiffige Darmpilze.
Praktisch ist bei meiner Arztpraxis, dass der Empfangstresen in Hörweite des Wartezimmers liegt und man ohne größere Anstrengung wirklich alles mitbekommt. Hinter dem Terminal drei Trutscheln, die „Diskretion“ sicher für eine Geschlechtskrankheit halten. Susanne hat am meisten zu sagen. Sie ist nämlich auch Ernährungsberaterin. Und schwanger. Immer noch oder schon wieder oder einfach selbst verdammt verfressen. Wer weiß.
„Nee, die Frau Huber, die macht’s nimmer lang. Höchstens 4 Wochen… Da war ich gestern beim Verbandswechsel, boah, war das eklig, da hatte die…“
Oh Gott. Toffi, konzentrier dich auf die hübschen Fotos der Darmpilze.
Frische Zerstreuung kommt zum Glück sofort. Die Tür zur Praxis fliegt auf und – nichts. Keiner zu sehen.
Und dann unüberhörbar: Darth Vader kommt. Und er hat ne ganz üble Bronchitis.
Nee, doch nicht. Nur ein alter Herr mit Bauch und leichten Atembeschwerden. Aber auch irgendwie beeindruckend.
(Wie blöd von mir, Darth Vader ist natürlich privatversichert und nimmt immer den Hintereingang!)
Nachdem ich eine Stunde lang sämtliche Keime aller Mitwartenden gewissenhaft inhaliert habe, darf ich im Behandlungszimmer „Chef“ weiterwarten. Bei offener Tür, mit exklusivem Blick auf die Rückansicht des Empfangtresens und alle Blut- und Urinproben des Tages.
Nein, da möchte ich mich lieber auf die Dinge im meiner näheren Umgebung konzentrieren, bevor es mir übel wird. Aha. Hochauflösende Bilder vom Querschnitt eines offenen Herzens. Klar, ein Landschaftsbild, so was wie „Nordseestrand bei Ostwind“ hätte ich jetzt auch nur schwer ertragen in meinem desolaten Zustand.
Ich will ja nicht mehr zum Tresen schauen, aber da schiebt sich rechts etwas so
Großes und Voluminöses ins Bild, dass ich einfach gucken muss. Ein Herr im dunklen Anzug und Streifenkrawatte, bewaffnet mit Köfferchen. Aha. Eindeutig ein Pharmavertreter. In Arztpraxen fast so gern gesehen wie der Herr Pathologe von der Kripo.
„Wünsche einen wunderschönsten guten Tag, die Damen! Haha. Mein Name ist Andy Lampe, und ich habe akute Rückenschmerzen!“
Den kenn ich. Der war bei mir im Jahrgang. Damals schon unerträglich spießig. Und Sprüche hatte der drauf. Peinlich! Aber heute, so 15 Jahre später, da sollte das ja…
„Haha, meine Damen, ich habe sie und den werten Herrn Doktor von Herzen lieb, aber trotzdem komme ich nur im Notfall. Ja, jetzt mal nicht traurig sein! Haha!“
Okay. Unverändert originell. Ich rutsche also in meinem Sessel nach ganz unten und bedecke mein Gesicht mit meinem Schal, bis ich aussehe wie eine Mumie, die vom letzten Themenfasching „Altes Ägypten“ übrig geblieben ist.
„Haha… Was? Wie jetzt?! Ähhhh, 10 € ?! Wenn ich ihnen jetzt sage, dass ich direkt aus der Bank komme, dann lachen sie mich bestimmt aus… haha…“
Totenstille. Ist wohl nicht Susannes Art von Humor. (Sympathisch, die Frau!)
„Okay. Nehmen sie Kreditkarten? … Nein. … Okay, haha, öhm…“
Oha, das riecht nach Komplikationen, denn wer blöde Sprüche auffährt UND kein Geld für die Praxisgebühr hat, der ist total schnell untendurch.
Der Herr Lampe, der hätte dann fast seine Seele als Pfand hinterlegen müssen, um überhaupt am ersten Tag des neuen Quartals bargeldlos dranzukommen.
Aber eine peinliche Frage, die hatte er dann doch noch. So war er schon immer.
„Wie lange muss ich warten? Ich frage deshalb, weil ich wissen möchte, ob es sich noch rentiert, dass ich meinen Laptop aufklappe!“
Ich habe mich plötzlich richtig gesund gefühlt. Und dankbar war ich. Keine Prostataprobleme, Atmung läuft flüssig und jetzt die absolute Gewissheit, dass es richtig war, Andy Lampe damals nach dem Abschlussball, gegen den Willen meiner Mutter, schleunigst entsorgt zu haben.