Während ganz Kartoffelhausen im kollektiven Hitzewahn danieder lag, hat mein Gummibaum Norbert den heißesten Tag des Jahres klammheimlich dazu genutzt, ein neues Blatt zu gebären!
…
Ist es nicht wunderschön? Dieses zarte, aber gleichsam kraftstrotzende Grün? Neues Leben erschaffen, genau dann, als jegliche Hoffnung verbrutzelt schien?
Ja, mein Norbert!
Wer hätte das gedacht…
Norbert kam ja über ein paar Umwege zu mir nach Hause, und wir hatten wirklich keinen leichten Start. Ich erinnere mich noch genau, wie Anfang diesen Jahres während eines Schneesturms meine Mutter anrief und unbedingt sofort wissen musste, was man mir zum Geburtstag Ende Mai schenken könne.
Oh Gott, isses schon wieder soweit!?! War nicht grade Weihnachten?
Es ist ja immer leichter zu sagen, was man nicht will, also: keine Handtücher, der Schrank wäre dann jetzt voll, danke. Nein, ein luftiges Nachthemd bräuchte ich auch nicht wirklich und Unterwäsche? Die kauf ich lieber selbst. Zumal ich absolut nichts mit Größe 42/44 anfangen kann.
„Aber Du hast schon ganz schön zugenommen hintenrum, Kind… und Unterhosen müssen doch bequem sitzen, also ich würde…“
Und plötzlich höre ich diese Stimme, die verdammt vertraut nach meiner klingt.
„Einen Gummibaum! Schenkt mir einen schönen, großen Gummibaum!“
Ich weiß wirklich nicht, wie ich in diesem Moment auf einen Gummibaum gekommen bin. Aber meine Mutter hat’s einfach so hingenommen. Ohne auch nur eine einzige Gegenfrage zu stellen, die die Sinnhaftigkeit meines Wunsches in Frage gestellt hätte. Wow!
Man fühlt sich komplett im Erwachsenenleben angekommen, wenn man sich für seine Wohnung eine Grünpflanze schenken lässt. Doch, das hat was. Das ist so dekadent-spießig wie weltoffen-häuslich.
Am Tag meines Geburtstages klingelt’s an meiner Haustür und vor mir steht ein Gummibaum. Irgendwo dahinter meine Mutter, von der ich lediglich ein paar Füße sehe. Ah, die Schuhe kenn ich, ich lass den Baum also rein. Der wankt schnurstracks ins Esszimmer, wo er mit seiner wahnsinnig intensiven Präsenz die anderen Gäste völlig unvorbereitet trifft. Vielleicht hatten Manche für einen kurzen Moment gehofft, ein Überraschungsgast sei angekommen! Ein Alleinunterhalter mit Cartoon-Krawatte oder ein Zauberer mit einem unförmigen grünen Accessoire. Dann war’s aber doch wieder nur meine Mutter. Mit Norbert, dem Gummibaum. Was für ein platzeinnehmendes Prachtstück! Meine Katze erbricht reflexartig ein psychosomatisches Haarbüschel. (Die Katze gerät leicht unter Stress, wenn sie nicht im Mittelpunkt steht und/oder meine Mutter zu Besuch kommt.)
Nachdem die Familien-Baum-Feier geschafft ist, lasse ich Norbert einfach stehen.Wochenlang. Er steht also da, streckt sämtliche Luftwurzeln von sich und guckt mich bei jeder Gelegenheit vorwurfsvoll an.
Ich bin ja kein Unmensch. Und Norbert war ja ein Wunschbaum. Also besorge ich mir einen Sack Erde, topfe Norbert um und poliere seine Blätter auf Hochglanz. Und dann darf er sogar vom Flur in mein Arbeitszimmer umziehen, wo ich ihm jeden Morgen etwas vorsinge, und wir ein paar spannende Partien Kniffel ausgetragen. (Weiß jemand, warum Gummibäume geradezu hämisch oft ein „Full House“ würfeln?)
Und heute morgen komme ich ins Norbertzimmer und will den kleinen Racker zum Frühstück rufen, da seh ich es: er hat Nachwuchs bekommen! Sozusagen über Nacht! Während ich gestern den ganzen Tag apathisch wie eine verkochte Ofenkartoffel auf dem Sofa gelegen habe, hat sich Norbert mal so richtig ins Zeug gelegt!
Chapeau, kleiner Gummibaum!
Du bist das Beste, was mir passieren konnte!
Meine Katze erbricht eine Portion Trockenfutter. Ah, die Aufmerksamkeit, Entschuldigung.
