Mit 15 Jahren befand ich mich, nicht selten ästhetisch etwas unpräzise, auf der Suche nach der ureigenen Kartoffel in mir. Vielleicht möchte ich im Nachhinein sogar einräumen, dass diese grün-rot-gestreifte Wollmütze einfach grottenscheißhässlich war und die figurbetonten Strick-Pullis von Benetton an den Körpern anderer Teenies besser aufgehoben gewesen wären.
In dieser verwirrenden Zeit spielte mir das Schicksal eine beste Freundin zu: Eva Rossmann. Ein junges Ding, ein frisches Ding. Ein Mädel mit einem Pferdestalllächeln und den breitesten Cordhosen, die man je gesehen hatte. Zahnarzttochter und Bilderbuchfamilienmensch. Und die einzige Person, die ich auch noch Jahre nach dem Abitur hätte töten können.
Eine der vielen grauenhaften Erinnerungen, die ich Eva Rossmann zu verdanken habe, ist die Teilnahme am Tanzkurs. Gefangen im Gruppenzwang einer Horde pickliger Teenies mit so viel Taktgefühl wie Lebenserfahrung. Aber um Evas Freundschaft nicht zu verlieren, machte ich sie und obendrein meine Eltern sehr glücklich, als ich zähneknirschend verkündete:
„Ja, es ist soweit. Ich bin bereit für einen Tanzkurs!“
Der Tatsache, dass mein allererster Tanzkursabend exakt mit dem Ausbruch des Golfkriegs zusammenfiel, hatte ich damals keine weitere Bedeutung zugemessen.
Ich Dummerchen.
Während sich meine Freundin Eva ab dem ersten Abend wegen gesundheitlicher Unpässlichkeiten immer schön kurzfristig vom Tanzen befreien ließ, hatte ich keine Ausreden gefunden und den Tanzpartner abbekommen, den ich verdient hatte: Sascha Fernando.
Was jetzt klingt wie ein feuriger Flamencotänzer aus Almeria, entpuppte sich ruckzuck als der allermieseste Tänzer westlich von Hoyerswerda. Zu allem Glück auch noch gesegnet mit einer ehrgeizigen Mutter, die immer und überall dabei war. Und jederzeit bereit, das Versagen ihres Wonneproppens zu rechtfertigen. Was tanzt das jämmerliche Ding dem Jungen auch immer unter den Füßen rum?
„Na, Toffi, Du hast ja echt zwei linke Füße beim Tanzen!“
Sagt diese Tanzbärenmutter. Zu mir!
Holladiewaldfee!
Nicht mit mir!
Dann sei also Krieg!
Ich hatte damals genau 2 Sekunden Zeit, mir spontan eine sensationelle Antwort auszudenken. Da sitze ich also auf der Rückbank dieses Mutterautos, rechts von mir die tanzende Null und unter mir die stinkende Hundedecke und höre mich sagen:
„Tja, zwei rechte Füße sind auch nicht gerade hilfreich beim Tanzen!“
… und fixiere dabei mit funkelnden Augen meinen Tanzpartner. Jaaa, kapier’s, DU bist hier der Versager!!!
Leider verpuffte meine rhetorische Retourkutsche wie ein Furz im Wind, denn weder Mutter noch Sohn waren geistig in der Lage, meine Beleidugung überhaupt als solche zu erkennen. Genaugenommen glaube ich, Sascha ist heute noch stolz darauf, damals endlich zwei rechte Füße attestiert bekommen zu haben. So viel Talent kommt eben nicht von ungefähr!
Als der Abschlussball näher rückte, besorgte ich mir die nächste Demütigung in Form eines pinkfarbenen Rüschenkleides – und meine liebste Freundin Eva sich die Windpocken. Aber in einer guten Freundschaft muss man auch mal gönnen können; und ja, diese widerliche riiiiesige unförmige Pockennarbe mitten im Gesicht hatte sich Eva zu dem Zeitpunkt unserer Zusammenarbeit haushoch verdient.
Der Abschlussball fand dann tatsächlich statt. Unter dem Motto „Urlaub in der Südsee“. Wie naheliegend. Aber immer noch besser als „Ferien auf dem Reiterhof“.
Ein Abend in der Stadthalle mit 100 parfümierten Teenagern, nervösen Eltern und unglaublich schlechter Musik einer drittklassigen Tanzkapelle. Und ich mittendrin.
Dass meine Karriere als Standardtänzerin niemals in einem furiosen Finale enden würde, kristalisierte sich dann allerdings schneller heraus als erhofft, als nämlich das passierte, was man heute noch in der Tanzschule „Messerspitz“ den Debütanten als abschreckendes Beispiel erzählt.
Ja, ich gebe es zu. Ich bin der eine Teil des Pärchens, das damals auf der Tanzfläche darüber zu streiten begann, um welchen vorzutanzenden Tanz es sich bein dem Musikstück handelte, das die Band da spielte.
„Waaas, ein Walzer? Spinnst Du??? Das ist ein Foxtrott!!!“
(Ich sagte ja schon, die Musiker waren schlecht. Sehr unpräzise. Tja.)
Und weil Sascha und ich uns nicht einigen konnten, tanzte einfach jeder das, was er für richtig hielt. Es mag nach außen möglicherweise etwas bizarr gewirkt haben. Aber wo wären wir denn da hingekommen, wenn sich damals jeder dem anderen einfach so kampflos ergeben hätte?
Wie gesagt, da draußen in der Welt war Golfkrieg. Wir waren jung, verunsichert und unglaublich unvorteilhaft angezogen, aber ich kann noch heute mit Stolz und Sicherheit sagen:
Es war ein Foxtrott.

Mein Gott war ihr jung und hurtig auf den Beinen auf dem Parkett.
Und Deine männlichen zwei Tanzbeine…puuh… wie hieß er noch dieser kühne spanische Adorno? Ein richtiger Gaucho, trotz der femininen Beinstellung.
Du warst auch zum Vernaschen mit Deinem Haifischflossenkleid.
Es war wunderschön zu lesen und dabei habe ich alles um mich herum vergessen und mich ganz toll amüsiert.
Übrigens: Jimmy Hendrix hat nie Foxtrott gespielt, sondern immer nur Walzer.
Freut mich sehr, dass ich Dich mit meinen traumatischen Erlebnissen ein bisschen ablenken konnte vom Alltag…! Ein schöneres Kompliment gibt’s für mich als Schreiberling ja gar nicht!!!