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Ostern 2009 – eine Bilanz aus der Kartoffelperspektive
Alles fing damit an, dass am Karfreitag unangekündigt 3 schwarze Socken während eines Ausflugs in der Waschmaschine spurlos verschwanden und auch am Ostersonntag nirgendwo anders wieder erschienen sind. „Man wäscht auch nicht am Feiertag!“, sagt dazu meine Mutter und sucht noch nicht mal nach weiteren tröstenden Worten für mich.
Am Ostersamstag gehe ich freiwillig einkaufen, finde sogar einen Parkplatz, aber keinen Eisbergsalat. Lachen kann ich dann erst wieder, als ich diese armen, verzweifelten Menschen sehe, die noch keine Ostergeschenke haben.
„Jaaa, wer jetzt noch kein Nest hat, der füllt auch keins mehr!“, möchte ich hingebungsvoll-hämisch durch den Laden deklarieren. Doch dann sehe ich, weshalb da dieser Kundenklumpen aufgeregt wie ein Bienenschwarm am „Tag der offenen Blüte“ vorm Regal klebt: „Alle Osterartikel 50% billiger!“ – steht da in rot und ich frage mich, weshalb ich genau gestern noch für den selben Haseneierkram 50% mehr bezahlt habe.
Hausfrauen mit vor Entschlossenheit verzerrtem Gesicht schaufeln ganze Legionen von Milka-Hasen in ihre viel zu kleinen Einkaufswagen. Ich täusche mit einer ruckartigen Handbewegung ebenfalls Kaufabsicht vor, da faucht’s mich auch schon von allen Seiten an und ich meine, Schaumkronen vor den Mündern der treu sorgenden Mütter gesehen zu haben.
Wieder zu Hause angekommen, hole ich mit einem Wäschekorb die Osterpost aus dem Briefkasten. Oh, Post von Sheego! Sheego… kenn ich nicht. Aber ich freu mich trotzdem, zumindest tu ich so, damit der Nachbar, der grade gegenüber die Straße kehrt, merkt, wie beliebt ich bin.
Sheego, so stellt sich später heraus, ist ein Katalog für Übergrößen. „Unbeschreiblich weiblich“ steht da unverblümt auf der Titelseite, und die BH’s fangen erst bei Größen an, die ich sonst nur von Pudelmützen kenne. Wahrscheinlich spekuliert man bei Sheego darauf, dass sich die Durchschnittskartoffel über Ostern zu einem Wonneproppen hochgefuttert haben wird und dann spontan neue Kleidung braucht. Irgendwie nett. Und gleichermaßen beunruhigend.
Tief einatmen. Ausatmen. Alles wird gut. Die Sonne scheint.
Am Ostersonntag komme ich nach dem Aufstehen etwas zerknittert am Küchentisch vorbei, und da steht sie, bunter als das Leben selbst: eine kleine Schachtel Pralinen mit güldenem Geschenkband! Ich bin vom Fleck weg gerührt! Wie süüüüß ist das denn!?
„Duuu, Herr Kartoffel“, flöte ich durchs Haus, „diese Pralinen…“
„… ja, die sind vom Sven und vom Andy – für mich! Toll, gell?!“, schreit Herr Kartoffelmann aus dem Bad, und bevor ich mich mit einem fiesen Satz rächen kann, weil ich kurz unnötig romantisch verblendet war, rauscht auch schon das Wasser aus der Dusche, und man singt gut gelaunt ein kleines Liedchen.
Der Besuch in der Heimat versöhnt mich dann wieder mit der Menschheit. Es gibt ganz viel Familie und den ersten Spargel der Saison, frisch gepflückt von polnischer Zeitarbeiterhand. Zwischen Pfann- und Erdbeerkuchen berichtet man sich von den neuesten Erlebnissen, und irgendwie habe ich das Gefühl, meine Eltern sammeln inzwischen Beerdigungen von alten Freunden wie andere Leute Abwrackprämien.
Tapfer ist sie, meine Mutter. Und manchmal etwas unsensibel. „Ja, ja, da sitzt man dann in der Trauerhalle und überlegt, wen es als Nächstes erwischt. Na ja, immerhin sind bis jetzt bei allen Paaren immer die Männer zuerst gestorben.“
So ähnlich muss es auch meinen 3 verwitweten Socken-Weibchen ergangen sein. Eben noch ein Paar, jetzt schon Singlesocke. Aber die Damensocke ansich ist ja anpassungsfähig, und so haben sich die 3 Baumwoll-Luder bereits ganz gut mit der neuen Lebenssituation arrangiert und sich ein kleines, kuscheliges Liebesnest in meiner Sockenschublade eingerichtet. Befreit vom Zwang, immer als Paar auftreten zu müssen, liegen die Mädels jetzt faul zwischen meinen Sportsocken und Nylonstrümpfen in der Gegend rum, genießen la dolce vita und verprassen ihre Witwenrente. Und manchmal, wenn ich an meiner Kommode vorbeilaufe, höre ich die 3 Sockinnen kichern und ja… plöpp!… gerade eben haben sie wieder eine Flasche Prosecco aufgemacht!
Ahhh, la vita è bella!
Auf das Leben nach den Feiertagen!
Auf die Socken!