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„Gott die Herrin hatte einen jeglichen Menschen in seiner eigenen Tonart gestimmt, und Kasper konnte sie heraushören.“
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Mit diesem Satz beginnt Peter Hoegs Roman „Das stille Mädchen“ – und mit ihm ein wochenlanges Martyrium für mich.
Ich geb’s zu, in Sachen Literatur hatte ich es mir in den vergangenen Monaten leicht gemacht. Einmal die ganze Thriller-Palette rauf und runter, schön blutrünstig und schwer verdaulich, dafür umso leichter zu lesen: „Der Seelenbrecher“, „Die Chemie des Todes“, „Gnadenlos“, „Gottlos“ oder „Das Grab im Wald“. Klare Message. Klarer Fall. Ich hatte einen Mordsspaß beim Lesen, aber irgendwie auch ein schlechtes Gewissen und ernsthafte Bedenken, peu à peu zu verblöden, bis ich irgendwann die Kochanleitung für Tiefkühlpizza nicht mehr verstehe, weil die Sätze zu lang sind und zu viele Fremdwörter drin vorkommen tun.
Als dann auch im 12. Psychothriller die Hauptfigur (traumatisierte Polizistin namens Kate oder Sarah, ohne Rückhalt im Team) vom saugefährlichen Serienkiller entführt und misshandelt wird (um dann vom Kollegen Ben, Jeff oder Henry, mit dem sich im vorletzten Kapitel subtil eine amouröse Liaison anbahnte, die dann in heißem Sex endete, in allerletzter Sekunde gerettet zu werden), hatte ich endgültig genug und wusste:
„Toffi, tu was für deine Bildung, sonst isses zu spät!“
Und genau an diesem Punkt trat „Das stille Mädchen“ in mein Leben. Kam so über mich, wie die Nacht über die Welt. Wie der Schimmelpilz über den Erdbeerjoghurt.
Ich lege mich also mit meiner Tigerenten-Kuscheldecke gemütlich aufs Sofa – und lese. Und lese und lese und lese. Nicht, weil das Buch irgendeine Art von Sog entwickelt hätte, sondern weil ich nicht glauben kann, was da vor sich geht: ich lese, und ich verstehe nichts. Ich lese also noch präziser, aber die Handlung erschließt sich mir einfach nicht. Hatte ich aus Versehen 32 Seiten überblättert? War ich eingeschlafen beim Lesen? Ich kenne die Personen nicht, weiß nicht, warum da immer Mönche auftauchen und warum dieser ekelhafte Clown mich depressiv macht. Das ist ein schleichender Prozess. Eben noch gut gelaunt, jetzt schon melancholisch. Alternder Clown rettet naseweises Mädchen vor bösen Machtmonstern. Und dann ist da noch diese über alles wachende „Gott die Herrin“, die das theologisch-esoterische Fass endgültig zum Überlaufen bringt.
Trotzdem war mein Ehrgeiz gepackt. Und siehe da, nur 5 Wochen und 488 Seiten später war’s soweit: der Kampf ging mit folgendem Abschnitt zu Ende:
„Was er hörte, klang auf jeden Fall schön. Auf jeden Fall wie die ganz große Galavorstellung. Und auf jeden Fall sehr, sehr beschwerlich.“
Gestern Abend um 18.46 Uhr habe ich das Buch „Das stille Mädchen“ zugeschlagen und behutsam zur Seite gelegt.
Wenig überraschend, das Ende.
Nein, überraschend wenig Ende.
Blöd, wenn zum Schluss alles anders kommt als man hätte denken können, dass es eventuell unter gewöhnlichen Umständen hätte kommen können.
Merke: Das ewig Weibliche wird allzeit überdauern. Und: Clowns sind gar nicht immer lustig, manchmal sind sie auch einfach widerlich.
Oder doch nicht, weil ja gar nichts so ist, wie es scheint vor Gott der Herrin?
Und überhaupt: warum soll man immer am Ende noch einen Knüller parat haben, eine überraschende Wendung der Handlung? Eine klitzekleine Katharis im Entwicklungs- und Reifungsprozess der Protagonisten? Diesen erlösenden Aha-Effekt? Wer Buße tut, wird das Paradies sehen? Nee, Quatsch, alles Quatsch und überholte Erwartungen, wie sie nur von einem Psychothriller-Leser kommen können. (Am Ende ist der Mörder tot, und Kate hat Ben ganz doll lieb. So geht das.)
Ich muss gestehen, ich war nach der Lektüre ziemlich verunsichert und hatte zuerst nicht mal mehr Lust auf Christstollenkonfekt. Was wäre, wenn ich der Depp bin? Und gar nicht Peter Hoeg? Was dann?
Ganz heimlich, muss ja keiner wissen, surfe ich also nach internationalen Buchbesprechungen. Und siehe da: ich bin nicht allein! Da draußen gibt’s ganz viele belesene Menschen, denen es genauso erging wie mir! Ja, genau, treffender könnte ich es nicht sagen: „Strampeln im Erzählbrei, „literarischer Mumpitz“, „pathetischer Feminismus“, „pseudo-musikologische Stilblüten“, „hanebüchene Handlung“, „esoterisch verbrämte Formeln und reichlich kitschige Szenen“…
Ahhhh, das tut gut! Das geht runter wie Kartoffelbrei!
Als nächstes lese ich „Das Kind“ von Sebastian Fitzek. Da ist schon der erste Satz Garantie für gute, spannend-verständliche Unterhaltung:
„Als Robert Stern vor wenigen Stunden diesem ungewöhnlichen Treffen zugestimmt hatte, wusste er nicht, dass er damit eine Verabredung mit dem Tod einging.“
So was macht mich sehr sehr glücklich.