La Petite Patate

……………Weichkochend. Bissfest. Und très dangereuse!

„Gemütlich voll“ – Malediva gibt den singenden Lebkuchen November 29, 2008

Gespeichert unter: Auf dem Land, Begegnungen, Chanson, Comedy, Kleinkunst, Mein Leben, Musik, Queer — lapetitepatate @ 2:22

(c) Marc


Wenn das Berliner Chansonduo MALEDIVA in meinem Lieblingstheater aufschlägt, dann ist da immer derart ausverkauft, dass man als Zuschauer eine konkrete Vorstellung davon bekommt, wie sich ein Huhn in Käfighaltung fühlen muss. Der Theaterleiter nennt das – ganz Profi – „gemütlich voll“. (Erklär das mal den Hühnern. Gaaaack-gack.)

An unserem „gemütlichen“ 4-Plätze-Stammtisch wurden gestern Abend also 9 ausgewachsene Erwachsene platziert, und ich habe so wenig Raum für mich, dass sich noch nicht mal meine Platzangst frei entfalten kann.

Rechts von mir die Krokette, die für die nächsten drei Stunden keines ihrer Beine wird ausstrecken können und zum Klatschen eindeutig in meinen Luftraum eindringen muss.

Nun bleibt zu hoffen, dass wenigstens die fünf fremden Mitsitzer am Tisch sympathisch sind und man gern mit ihnen willenlos Körperkontakt haben möchte.

So, da kommen sie ja auch schon: vier leidenschaftlich parfümierte, dauergewellte Damen nach den Wechseljahren, die sicherlich Nordic Walking machen, aber durchaus offen dafür sind, sich mal einen Abend lang schwules Entertainment einzuverleiben. („Ach Gott nee, was für scheene Männer! Noch ‘n Äppelwoi, Petra?!“)

Mit etwas Verspätung kommt dann auch noch der Herr Hahn im Korb, ein kahlköpfiger Rentner im rosa Strickpulli. Noch bevor er richtig sitzt, wird klar: der wird anstrengend. Krokette verrollt die Augen Richtung Theaterdecke, ich suche Erlösung durch den Blick auf die Bühne.

Oh, ein ganz und gar bezauberndes Bühnenbild steht da! Zwei Schlitten, Kunstschnee und drei weiße Kunsttannen. Oh du fröhliche! Aber was steht da rechts außen mitten im Plastikwinterwald?

„Du, Krokette, liegt da ein Tier auf der Bühne?“

„Nee, das sind Wintermäntel, ein Schal und obendrauf eine Pelzmütze.“

„Ach.“

„Yep. Von den Frauen aus der ersten Reihe.“

Wie bitte? Wie respektlos ist das denn? Die private Garderobe mal eben locker auf die Bühne ausgelagert? Mitten ins Bühnenbild? Nein, so kann ich nicht. Da krieg ich keine besinnlichen Gefühle. (Später, so nach dem dritten Lied, werden von Reihe 1 aus auch noch sämtliche Weinflaschen samt Gläser auf die Bühne outgesourct. Ist aber auch so eng an diesen winzigen Bistrotischen. Und wenn der Landadel ausgeht und 20 € Eintritt bezahlt hat, dann isses nicht einzusehen, dass die singenden Kasper mehr Platz haben sollen als die Zuschauer. Klarer Fall.)


„Drücken Sie da mal drauf!“

Mein lustiger Tischnachbar hält mir einen monströsen Kugelschreiber unter die Nase und grinst dabei frivol. Ich drücke. Das Schreibgerät gibt ächzend verzerrte Stöhngeräusche von sich. Unfassbar. Ein Scherzartikel. Ich drücke also gelangweilt ca. sex mal auf dem Teil rum und unterdrücke ein Gähnen.

„Na los, komm schon, das Geräusch wirste doch kennen!“

(Bäh, was für eine Supersau. Dem vermiese ich seinen Spaß!)

„Hm…. nee, ich komm nicht drauf. Vögel? Singende Vögel vielleicht?“

„Was?“


Und dann endlich: Auftritt MALEDIVA!

Sie singen schöne Lieder und sie sehen schön aus. Hässlich sind immer die anderen, und Schnee gibt’s bei uns in Tütchen. Lebkuchen für Alle! Die Dame neben mir hört wohl schlecht, ihre Schwester muss alles LAUT wiederholen. Herrlich. Ich krieg Kopfweh. Pause.

Mein schwuler Freund Michi sitzt mit offenem Mund wie schockgefrostet neben mir, im Augenwinkel ein Tränchen. Irgendetwas stimmt nicht mit ihm.

„Michi, alles okay?“

„Nee du, gar nicht… ich komm grad gar nicht damit klar, dass die Tetta heute ausschaut wie ein Mann… sie ist so… hm, männlich…!“

Ich spüre, wie nebenan eine Welt zusammenbricht und versuche zu trösten.

„Aber Tetta schaut mit den längeren Wuschelhaaren doch richtig süß aus, oder?!“

„… Super…. ich will noch ein Bier.“

Auf meinen Scherzartikelfreund gegenüber ist Verlass. Er spürt, dass jetzt der ideale Zeitpunkt für ein aufheiterndes Gespräch wäre, bevor die Stimmung gänzlich kippt.

„Was meinen Sie, die zwei Sänger sind doch ein Paar, oder?“

Eigentlich hätte ich schreien wollen: „Jaaaaa, die sind stockschwul, verheiratet und haben sicher mehr Spaß im Bett als du, Arschloch!“

Stattdessen mein kläglicher Versuch, das Thema einigermaßen höflich abzukürzen:

„Keine Ahnung.“

Wo das Eis schon mal gebrochen ist und alle herzhaft gelacht haben, will der Herr Komiker jetzt etwas persönlicher werden und lockt Michi, die Krokette und mich ganz unverblümt mit einer (aus seiner eingeschränkten Sicht) legitimen Frage aus der Reserve:

„Und, wie gehört ihr zusammen? Jetzt mal ehrlich!“

Da wäre ich ja liebend gern schreiend davongerannt. Aber es war zu voll und ich wäre sicher nicht weit gekommen. Wahrscheinlich wäre ich direkt am Stuhl des netten Herrn hängen geblieben und von ihm neckisch auf den Schoß gezogen worden.

Der zweite Teil des Programms geht genau so lange wie mein Kopfweh braucht, um zur mittelschweren Migräne zu werden. Allein beim Gedanken an Lebkuchen wird mir schlecht und nebenan kreischt die schwerhörige Tante:

„Aber der Pianist ist nicht schwul, oder?“

Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum.

Weihnachtliche Gefühle muss ich mir jetzt doch wieder irgendwo anders besorgen.


 

5 Responses to “„Gemütlich voll“ – Malediva gibt den singenden Lebkuchen”

  1. Mari Posa Says:

    Aaah…wie ich doch Elke Heidenreich liebe! Vorgestern sagte sie im 3Sat in einen tollen und langem Fernsehgespräch, wie entsetzlich sie die Sexfantasien von ollen Männern wie Grass und Walser fände und von diesen (Fantasien) absolut nichts wissen möchte.

    Mir geht es genauso: ekelig…einfach ekelig!

    Lass mich raten in was für einem Duftwässerchen der auch noch gebadet hat: Hattrick, Tabak…puuuh…was gibt es denn da noch für ausräuchernde „Düft“? Hmmmm…“Biebergeil“…oder „Oase der Verwesung“…“Veni, Vidi, Vici“…“Platzhirsch“…“Sexpiranha“…“Eau de Viagra“…huch, ich glaub ich komme in Fahrt aber ich will heute noch Plätzchen backen und muss dafür noch einige Zutaten einkaufen.

    Fix loslauf…

  2. Da kann ich Frau Heidenreich sehr gut verstehen. Es gibt Dinge, die will man gar nicht wissen. (Igitt)

    Und mir würde da als Duftnote noch „Old Spice“ einfallen – „Olle Gewürzgurke“!

    Dieser Typ war schon vor 50 Jahren ein Macho-Vollhorst, hat aber noch im hohen Alter das Selbstbewusstsein von Karl Lagerfeld (dessen Phantasien mich übrigens auch nicht interessieren würden).
    Jedenfalls hat die Ehefrau indifferent zugeschaut. Sie kennt ihren Gatten wohl zu gut und war froh, mal einen Abend frei zu haben. Wieder was Gutes getan.

  3. Mari Posa Says:

    Ei…die sehen ja toll aus die Hühner. :-P

  4. Régine Says:

    Hallo Toffi, das ist ja ein extra Programm hier und das ohne Eintritt!! Bohhhhhhhhhh da wäre ich gerne dabei gewesen, schon wegen Deiner Kommentare und das wären zwei Programme in einem, das heute bei den teuren Preisen!!

    Danke für diesen erfrischenden Beitrag, ich roll mich hier auf Sylt gerade auf dem Boden und muss meine Tränen trocken!!

    DANKE

    DANKE

    ANKE ???? NEEEEEEEEEEEEEEEEE TOFFI DIE NETTESTE KARTOFFEL DER WELT ;-)

    Schönen ersten Advent, allen Blockern/rinnen!!!!!!!!

    Gruss Régine und Domino

    PS. Daphne kam gleich mit Ihrem Quitschtier sie dachte ich kreische so weil ich mit Ihr spielen will ;-)

  5. Oh, sowas würde ich auch gern mal erleben!

    Die Herren Malediva sind ja auf der Bühne recht klasse; in meiner verjährten Erinnerung jedenfalls sind sie das.

    Ganz interessant finde ich, dass sie, sobald sie ihre Münder (und Gedanken) jenseits ihrer Show öffnen, dabei mitunter an ihr Publikum* erinnern, dem sie sich so gern und gekonnt aussetzen, um es ein wenig zu reizen.

    *Einfältiges Provinzpublikum gibt es auch in Berlin zu Hauf!


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