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Wenn das Berliner Chansonduo MALEDIVA in meinem Lieblingstheater aufschlägt, dann ist da immer derart ausverkauft, dass man als Zuschauer eine konkrete Vorstellung davon bekommt, wie sich ein Huhn in Käfighaltung fühlen muss. Der Theaterleiter nennt das – ganz Profi – „gemütlich voll“. (Erklär das mal den Hühnern. Gaaaack-gack.)
An unserem „gemütlichen“ 4-Plätze-Stammtisch wurden gestern Abend also 9 ausgewachsene Erwachsene platziert, und ich habe so wenig Raum für mich, dass sich noch nicht mal meine Platzangst frei entfalten kann.
Rechts von mir die Krokette, die für die nächsten drei Stunden keines ihrer Beine wird ausstrecken können und zum Klatschen eindeutig in meinen Luftraum eindringen muss.
Nun bleibt zu hoffen, dass wenigstens die fünf fremden Mitsitzer am Tisch sympathisch sind und man gern mit ihnen willenlos Körperkontakt haben möchte.
So, da kommen sie ja auch schon: vier leidenschaftlich parfümierte, dauergewellte Damen nach den Wechseljahren, die sicherlich Nordic Walking machen, aber durchaus offen dafür sind, sich mal einen Abend lang schwules Entertainment einzuverleiben. („Ach Gott nee, was für scheene Männer! Noch ‘n Äppelwoi, Petra?!“)
Mit etwas Verspätung kommt dann auch noch der Herr Hahn im Korb, ein kahlköpfiger Rentner im rosa Strickpulli. Noch bevor er richtig sitzt, wird klar: der wird anstrengend. Krokette verrollt die Augen Richtung Theaterdecke, ich suche Erlösung durch den Blick auf die Bühne.
Oh, ein ganz und gar bezauberndes Bühnenbild steht da! Zwei Schlitten, Kunstschnee und drei weiße Kunsttannen. Oh du fröhliche! Aber was steht da rechts außen mitten im Plastikwinterwald?
„Du, Krokette, liegt da ein Tier auf der Bühne?“
„Nee, das sind Wintermäntel, ein Schal und obendrauf eine Pelzmütze.“
„Ach.“
„Yep. Von den Frauen aus der ersten Reihe.“
Wie bitte? Wie respektlos ist das denn? Die private Garderobe mal eben locker auf die Bühne ausgelagert? Mitten ins Bühnenbild? Nein, so kann ich nicht. Da krieg ich keine besinnlichen Gefühle. (Später, so nach dem dritten Lied, werden von Reihe 1 aus auch noch sämtliche Weinflaschen samt Gläser auf die Bühne outgesourct. Ist aber auch so eng an diesen winzigen Bistrotischen. Und wenn der Landadel ausgeht und 20 € Eintritt bezahlt hat, dann isses nicht einzusehen, dass die singenden Kasper mehr Platz haben sollen als die Zuschauer. Klarer Fall.)
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„Drücken Sie da mal drauf!“
Mein lustiger Tischnachbar hält mir einen monströsen Kugelschreiber unter die Nase und grinst dabei frivol. Ich drücke. Das Schreibgerät gibt ächzend verzerrte Stöhngeräusche von sich. Unfassbar. Ein Scherzartikel. Ich drücke also gelangweilt ca. sex mal auf dem Teil rum und unterdrücke ein Gähnen.
„Na los, komm schon, das Geräusch wirste doch kennen!“
(Bäh, was für eine Supersau. Dem vermiese ich seinen Spaß!)
„Hm…. nee, ich komm nicht drauf. Vögel? Singende Vögel vielleicht?“
„Was?“
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Und dann endlich: Auftritt MALEDIVA!
Sie singen schöne Lieder und sie sehen schön aus. Hässlich sind immer die anderen, und Schnee gibt’s bei uns in Tütchen. Lebkuchen für Alle! Die Dame neben mir hört wohl schlecht, ihre Schwester muss alles LAUT wiederholen. Herrlich. Ich krieg Kopfweh. Pause.
Mein schwuler Freund Michi sitzt mit offenem Mund wie schockgefrostet neben mir, im Augenwinkel ein Tränchen. Irgendetwas stimmt nicht mit ihm.
„Michi, alles okay?“
„Nee du, gar nicht… ich komm grad gar nicht damit klar, dass die Tetta heute ausschaut wie ein Mann… sie ist so… hm, männlich…!“
Ich spüre, wie nebenan eine Welt zusammenbricht und versuche zu trösten.
„Aber Tetta schaut mit den längeren Wuschelhaaren doch richtig süß aus, oder?!“
„… Super…. ich will noch ein Bier.“
Auf meinen Scherzartikelfreund gegenüber ist Verlass. Er spürt, dass jetzt der ideale Zeitpunkt für ein aufheiterndes Gespräch wäre, bevor die Stimmung gänzlich kippt.
„Was meinen Sie, die zwei Sänger sind doch ein Paar, oder?“
Eigentlich hätte ich schreien wollen: „Jaaaaa, die sind stockschwul, verheiratet und haben sicher mehr Spaß im Bett als du, Arschloch!“
Stattdessen mein kläglicher Versuch, das Thema einigermaßen höflich abzukürzen:
„Keine Ahnung.“
Wo das Eis schon mal gebrochen ist und alle herzhaft gelacht haben, will der Herr Komiker jetzt etwas persönlicher werden und lockt Michi, die Krokette und mich ganz unverblümt mit einer (aus seiner eingeschränkten Sicht) legitimen Frage aus der Reserve:
„Und, wie gehört ihr zusammen? Jetzt mal ehrlich!“
Da wäre ich ja liebend gern schreiend davongerannt. Aber es war zu voll und ich wäre sicher nicht weit gekommen. Wahrscheinlich wäre ich direkt am Stuhl des netten Herrn hängen geblieben und von ihm neckisch auf den Schoß gezogen worden.
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Der zweite Teil des Programms geht genau so lange wie mein Kopfweh braucht, um zur mittelschweren Migräne zu werden. Allein beim Gedanken an Lebkuchen wird mir schlecht und nebenan kreischt die schwerhörige Tante:
„Aber der Pianist ist nicht schwul, oder?“
Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum.
Weihnachtliche Gefühle muss ich mir jetzt doch wieder irgendwo anders besorgen.









