Sylvia, die Theaterleitung, strahlt übers ganze Gesicht und hat sich für das Gastspiel von Denis Fischer aufgebrezelt wie lange nicht mehr. Man ahnt es schon, heute Abend ist ein Ausnahmekünstler zu Gast. Und der ist heterosexuell, was ja im Chansonbereich so oft vorkommt wie eine Panflöte in der Heavy-Metal-Branche. 
Auch das Durchschnittsalter des Publikums ist plötzlich um 30 Jahre gesunken, kaum eine ergraute Dauerwelle zu sehen. Nein, das kann kein Kleinkunstabend sein. Ich werde langsam unruhig. Das Programmheft kündigt Denis Fischer zum Auftakt der „ChanSong“-Reihe an und verspricht „Death Songs“- Lieder über Friedhöfe, Drogen, die Liebe und den Tod.
Nun gut, warum nicht der herbstlichen Verstimmung morbide Nahrung geben.
Meine liebe Krokette hält sich neben mir tapfer an ihrem Tannenzapfen-Bierchen fest, die blutrot ausgeleuchtete Bühne fest im Blick.
Und dann kommt Denis Fischer. Er tritt auf und singt. „Bang Bang“. So minimalistisch und unaufgeregt, dass ich sofort Gänsehaut bekomme und mit vor wohligem Entsetzen weit aufgerissenem Mund wie paralysiert dasitze. „Bang Bang“. Diese Stimme! Glasige Augen auch bei der Krokette.
Innerhalb weniger Minuten liegt das Publikum Denis Fischer aus vollem Herzen zu Füßen. So muss eine Offenbarung aussehen. Da vorne im Scheinwerferkegel auf der kleinen Bühne steht ein zarter Mann, die Haut so weiß wie lactosefreie Milch – und hat eine charismatische Bühnenpräsenz wie Juliette Greco und den Sexappeal eines Iggy Pop.
Ja, Denis Fischer ist der jüngere Bruder von Chansonnier Tim Fischer. Ach so, nur der kleine Ableger vom großen Fischer, der halt auch mal auftreten darf?
Weit gefehlt!
In der Pause versucht das Publikum, das soeben Erlebte zu verarbeiten, indem es eine Schublade sucht für diese Sonderbegabung. Chanson sei es nicht, nein. Er wäre der junge Freddie Mercury. Und er sähe aus wie der Sänger von Depeche Mode. Mich erinnert er stimmlich an Brian Molko von Placebo. Das muss man erst mal schaffen!
Leidenschaftlich von Carsten Sauer am Flügel begleitet, wagt sich Denis Fischer an alle großen Meister der jüngeren Popmusikgeschichte ran – und wird ihnen mehr als gerecht. Oft gibt es ja nichts Platteres als Coverversionen von Liedern, die andere viel besser können. Man denke nur mal an Karel Gott, der tatsächlich „Paint It Black“ von den Rolling Stones gesungen hat.
Aber Fischer macht etwas Neues, Einzigartiges aus seinen Vorlagen. Gut, das hat Karel Gott auch getan. Aber so meine ich das nicht. Denis Fischer covert mit einer Dunkelheit und Abgründigkeit in der Stimme, wie ich es selten gehört habe. Vom Ohr direkt in die Seele, wo sich die Lieder einnisten und noch Tage später wirken.

Und zwischendurch serviert der Sänger auch mal ein eigenes Lied über Sommersprossen und Blutspritzer, das sich mir nichts dir nichts in die Reihe großer Klassiker einfügt. Da wird schnell klar, welches Potential in diesem Künstler schlummert. Der Mann hat was zu erzählen. Und er beherrscht sein Handwerk.
Damit der Abend nicht zu abseitig düster wird, unterhält Denis Fischer mit seinen kurzen Moderationen charmant das Publikum und wirkt dabei erfrischend unverbraucht und so, als ob er auch selbst Spaß hätte an dem, was da an diesem Abend in diesem kleinen Theater passiert.
Nach zwei Stunden ist der Zauber viel zu schnell vorbei. Denis Fischer steht im Bühnennebel und singt „Enjoy the Silence“. Nein, er singt nicht, er lebt das Lied. Und ich glaube ihm jedes Wort.
Dann passiert’s. Der Sänger zieht sein schwarzes T-Shirt aus und gibt einen Blick auf Sterne und Fischgräten frei. Ach herrje, dass Tattoos auf weißer Haut so gut wirken.
Leider hatten die Krokette und ich gerade keinen BH übrig, den wir auf die Bühne hätten werfen können. (Wer rechnet denn auch mit so viel Ekstase im Kleinkunstbereich.)
Was für ein Konzert. Was für ein Abend. Ein historischer Moment – und ich war dabei. Und die Krokette.
Gebt Denis Fischer eine schlagkräftige Band und befreit ihn aus der Schublade „Chanson“, dann ist alles möglich.
„Ja, Denis Fischer könnte der deutsche David Bowie werden. Der hätte das Zeug dazu.“
(Frederic Hormuth)
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