
Es hat schon einen ganz besonderen Charme, den heißesten Tag des Jahres zu erwischen, um die längst überfällige Totalerneuerung beim Friseur vornehmen zu lassen. Und was soll ich sagen: es gab einen neuen Rekord! So lange wie diesmal war ich noch nie unter der Haube! 4 Stunden! Vier Stunden, in denen man nonstop an meinem Haupthaar und dem dazugehörigen Kopf rumgefummelt hat, bis selbst meine eigene Mutter jegliche Familienähnlichkeit abgestritten hätte!
Nun ja, ich war die letzten Monate nachlässig, das muss ich zugeben. Aber wer hat schon immer Lust, mal eben einen halben Urlaubstag in die Schönheit zu investieren? Nee, ich nicht. Und so war es Sommer geworden – und meine Frisur unbemerkt zum Hippie mutiert.
Draußen also gefühlte Temperaturen von mindestens 37°C, und während sich der Rest meiner Sippe Richtung Badesee davonmacht, begebe ich mich zur Friseurin meines Herzens: Elke.
Elke ist die beste Haarbändigerin, die ich kenne – und sie weiß alles über mich. Bereits in der ersten Sitzung haben wir ohne Berührungsängste die wichtigsten Fragen geklärt:
Ja, das Haar ist echt. Nein, ich bin nicht asiatischer Abstammung. Mario Barth wird überschätzt, und ja, es gibt Kabarettisten, die sich die Wimpern färben.
Der Friseur-Salon ist leer wie ein Aldi-Markt am Ostersonntag, und ich überlege ernsthaft, warum wieder alle außer mir wussten, dass man an so einem Tag nicht zum Friseur geht. Elke jedenfalls freut sich auf mich und meine Haare, das spür ich. Wir einigen uns auf Strähnen im Honigblond vom letzten Mal und gerade als ich versuche, nicht am Ledersessel festzuschwitzen, quiekt Elke auf: „Ohhhh, da sind ja zwei naturblonde Haare!“
Und ich Blondchen versuche auch noch, rational nachzuvollziehen, was da oben auf mir los sein könnte! Ja, blond war ich als Kind mal, aber heute?! Hm…
„Haha, naturblond klingt gut, gell?? Ist doch viel besser als GRAU!“
Ah, ist sie nicht niedlich, die Elke?!
Geschlagene 110 Minuten wickelt Elke Strähne um Strähne in Alufolie, und was soll ich sagen, es ist anscheinend mein Glückstag: Elke hat Redebedürfnis! Und Zeit! Viel Zeit! Es sind ja keine anderen Kunden da! Drei Stunden später weiß ich alles über ihren Freund Franz, der beim Metallica-Konzert eine Panikattacke bekommen hat und dass die Stammkundin Sonja Hautkrebs hat und Elke ihn zuerst entdeckt hat. Das ist für mich als Kundin mit sensibler Haut ja so was von beruhigend! Ja, diese kleinen schwarzen Pünktchen im Nackenbereich, die so komisch genässt haben, wenn man mal wieder mit der Schere oder dem Kamm dran kam. Und dann erst die Krebs-Operation! Die mussten 6 cm tief in den Hals reinschneiden!
Ich versuche kurz, mir vorzustellen, was passiert, wenn man 6cm tief in den Hals reinschneidet und wo man vorne wieder rauskommen würde, dann fällt mir aber wieder ein, dass es draußen heiß und mein Krauslauf instabil ist, und ich nicht unnötig beim Friseur kollabieren möchte.
Es folgt eine 45minütige Haarwäsche mit allem Pflegepipapo und einer leidenschaftlichen Kopf-Nacken-Massage durch die Hände des Lehrmädchens. Wo nimmt das zarte Ding nur diese Kraft her?
Wow. Ahhh. Hui.
Ich hoffe, es gibt keine Nervenenden unter der Kopfhaut, die man langfristig schädigen kann durch zu beherztes Zupacken.
Inzwischen klebe ich doch am Ledersessel fest und jede noch so kleine Bewegung löst entzückende Furzgeräusche aus, die alle außer mir erfrischend lustig finden. Das tut doch weh, wenn man im Sommerkleidchen da festpappt! Ich möchte weinen, habe aber keine Tränen mehr übrig, weil ich jegliche Flüssigkeit ausgeschwitzt habe.
Nach 3 Stunden 30 Minuten sind meine Haare endlich fertig! Frisch gefärbt, geschnitten und hingeföhnt, möchte ich mein Glück rausschreien! Ja, ich bin frei! Da kommt Elke auf die Idee, mir „noch schnell“ eine Hochsteckfrisur zu machen, wegen der Hitze und so. Gut, klingt logisch, und Friseurinnen kennen ja sicher raffinierte Tricks, um selbst so unglaublich dickköpfiges Problemhaar wie das meine elfengleich hochzutrapieren.
13 Minuten und 17 Versuche später seh ich Elke zum ersten Mal an diesem Tag schwitzen!
„Na, das muss doch irgendwie hinzukriegen sein!“, kommt da kämpferisch von oben – und ich schlage „Zement?!“ vor. (Man hilft ja, wo man kann.)
„Nein, wenn Du mal heiratest, müssen wir das ja auch irgendwie hinbekommen!“
„Was? Wie? Heiraten?“
„Ja klar, viele Frauen heiraten ja nur wegen dem schönen Kleid und der tollen Hochsteckfrisur!“
Siehste mal, zwei weitere Gründe, nicht zu heiraten. Die haben mir in meiner Pro-Contra-Hochzeitsliste noch gefehlt! Prima!
Doch Elke schafft es tatsächlich, meine Haare irgendwie am Kopf zu befestigen. Mit exakt 21 Haarnadeln und allen Hilfsmitteln, die laut Gesundheitsbehörde gerade noch so erlaubt sind. Aus dem Spiegel schaut mir eine toupierte Diva entgegen, eine Mischung aus Zsa Zsa Gabor, Marge Simpson und Urban Priol. Verdammt, ist so eine Frisur vorteilhaft. Ich bin verwirrt.
Was folgt, ist meine alles entscheidende, aber durchaus berechtigte Frage:
„Muss ich jetzt heiraten?“
Elke guckt, als ob ein Büschel fettendes Schamhaar von der Decke direkt vor ihre Füße gefallen wäre.
„Na ja, bei uns im Freundeskreis, da sind der Franz und ich das einzige unverheiratete Pärchen. Und wir sind echt die einzigen, die noch nicht getrennt sind! Und Kinder haben wir auch keine, ist toll so. Viele kriegen ja Kinder, weil man’s halt so macht! … … … Also, nee, ich kann das mit dem Heiraten nicht empfehlen…. … Aber die Frisur für Dich hätten wir jetzt schon mal! Ist doch super!“
Als ich nach Hause komme, ist noch nicht mal jemand da, der mir für meine schwer erarbeitete Frisur ein Kompliment aussprechen könnte. Vielleicht besser so – am Ende macht mir noch jemand einen Antrag, nur weil die Muddi mit Hochsteckfrisur doch eigentlich ganz nett ausschaut.
„Haha, Chance verpasst, mein Schatz!“, denke ich so und lege mich genüsslich aufs Sofa. Und während sich mir 3 der Haarnadeln butterweich ins Gehirn bohren, träume ich leise schnurchelnd von einer standesamtlichen Trauung mit Mario Barth und Kurzhaarfrisur.